Suite zum Nulltarif

Freitag, 28.03.2014

14,5 Stunden. Selbst in Deutschland in der 2. Klasse eines gemütlichen Regios wäre das eine Tortur. In einem Hard Seat eingequetscht, hier passt der Begriff Holzklasse wirklich, ist es die Hölle. Nach spätestens sieben Stunden weiß man nicht mehr, wie man sitzen soll und eine Stunde später fangen die Rückenschmerzen an. Dann, wenn man schon gar nicht mehr weiß, was man tun soll, realisiert man, dass man erst die Hälfte hinter sich hat. Doch mit Ach und Krach erreichten wir am Ende völlig fertig Lanzhou und sollten für die Zugfahrt entlohnt werden: Unser billiges Hotel, Lanzhou ist keine Touristenstadt, sondern Industriestandort, weshalb Hostels ausschieden, entpuppte sich als Luxushotel, mit tollem Bad, Wasser, ja, Wasser ist etwas Besonderes, und einem schönen weichen Bett. So gönnten wir uns eine kurze Nacht, um am einzigen Nachteil eines chinesischen Hotels zu stehen, dem Inklusivfrühstück, die chinesische Variante. Während ich ja mit Pancakes und Kaffee völlig zufrieden wäre, begnügen sich die Chinesen mit gedünstetem Kohl, Nudelsuppe und Reis mit Shrimps. Zu Trinken war mir nicht mal ein Kaffee gegönnt, nein, es gab leckere Reissuppe.

Nach diesem wundervollen Mahl ging es sofort weiter zum Nächsten wirklichen Stop, Xining. Eine kleine Provinzhauptstadt der wahrscheinlich unbekanntesten chinesischen Provinz Qinghai, Hochburg des chinesischen Islams und Ausbildungsstätte der letzten Dalai Lamas. Also praktisch das Jerusalem des fernen Osten, wobei es hier unglaublich friedlich zugeht. Nach einer wirklich kurzen Zugfahrt, nach der letzten kommen einem zwei Stunden vor wie einige Minuten, erreichten wir diese eigentlich unglaublich friedliche Stadt und wurden von zwei schwer bewaffneten Militärgruppen begrüßt, die den Bahnhof vom Verkehr abschotteten. Warum auch immer. Nach dem letzten Hostel-Flop in Dunhuang war die Spannung natürlich unglaublich groß, ob dieses Hostel existiert, und das tat es. Die Location ist zwar unüblich gewählt, der Hostelbesitzer hat einfach alle freien Wohnungen in einem Wohnhochhaus gemietet, verteilt über alle Stockwerke, und das als Hostel deklariert. Als Zeichen des guten Willens wurde unser Zimmer ohne unseren Einfluss einfach vom Doppelbett zur Suite geupgradet und so konnten wir, zwar am ersten Abend ohne Strom, Wasser und Internet, den Blick von der Couch über Xining gleiten lassen. Nachdem ich schon seit ein paar Tagen stark kränkelte, kein Wunder, die Chinesen husten und rotzen ja fast permanent durch die Gegend, steckte sich auch Alex damit an, und da man mit Fieber nicht unbedingt fit für Touren in die Berge ist, wir waren ja ohnehin schon auf ca. 3000m Höhe, deklarierten wir den ersten Tag zum Heiltag und legten uns nach einem kurzen Stop beim nächsten Bäcker, den es erst einmal zu finden galt, und einem Besuch in der größten Moschee Chinas sofort wieder ins Bett. Den Weg zum Bett bescherte uns die billigste Taxifahrt unseres Lebens: nachdem wir uns zum ersten Mal wirklich etwas verfahren haben, dumme Ringbusse, fuhren wir die letzten paar Kilometer für unter einen Euro! Ja, Dienstleistungen sind in China nicht wirklich die teuersten Angelegenheiten. Am nächsten Tag stand das Komplementärziel auf dem Reiseplan: der Ausbildungstempel der Dalai Lama. Diesen erreicht man nur über einen einzigen Bus, einen 16-Sitzer. Schon beim Einstieg verloren wir jedes Vertrauen in die Linie, denn durch die Frontscheibe zogen sich einige Risse. Naja, sowas schockt einen China-Backpacker ja nicht mehr wirklich und so ließen wir die Busfahrt einfach Busfahrt sein. Schon einige Minuten nach der Abfahrt zeigte sich der Grund der Risse auf sehr anschauliche Weise: Schlaglöcher. Sehr viele Schlaglöcher. Und bei jedem konnte man dieses ungesunde Geräusch vernehmen, wie Metall auf Metall und Metall auf Plexiglas schlägt. Hier sei angefügt, dass es eine ernsthafte Überlegung sein sollte, sich ein chinesisches Auto anzuschaffen. Dass diese Autos locker 100.000km auf solchen Straßen fahren spricht ja eigentlich für sich. Endlich am Tempel angekommen kam erst einmal die Verwirrung: ein Sight ohne Ticketoffice. Naja, so ist China halt, also einfach mal reinmarschiert. Dieser Tempelkomplex war wirklich ganz anders als alle anderen vor ihm. Während überall reich verzierte Tempel und Schreine standen, war hier alles schlicht gehalten. Die Anlage war vielmehr eine Menge aus Versammlungsräumen für die Mönche, welche sich hier auch fleißig umhertrieben.

Nach einer weiteren wilden Fahrt kamen wir wieder in unserem Viertel an und wie eigentlich immer hatte ich Hunger. Naja, nachdem die letzten Tage jetzt nicht wirklich kulinarisch wertvoll waren (Nudelsuppe, Brot) musste dieses Mal etwas anderes her, und als wir schon am Hostel waren viel uns direkt gegenüber ein verwahrlostes Burgerrestaurant auf, welches sich als wirklich gut herausstellte. Nachdem die Standards bei der großen Konkurrenz nicht sehr hoch sind, setzte man hier auf regionale Spezialitäten und zwar frisch gekocht! Gestärkt von diesem Mahl wurde ich mutig: ein neuer Haarschnitt im benachbarten Frisör musste her! Ich war ja letztes Jahr schon zwei Mal beim chinesischen Frisör, jedes Mal war es zu meiner Zufriedenheit, doch in Xining sollte das anders sein. Um euch zu verschonen, verzichte ich auf ein Nachher-Bild.

Blick aus unserer Suite Von der Suite Gebetszylinder Eine wilde weiße Taube